Bedenkliche Bakterienkiller – Irrsinn auf dem Reinigungsmittelmarkt

Bedenkliche Bakterienkiller – Irrsinn auf dem Reinigungsmittelmarkt -

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Sie lauern angeblich überall im Haushalt: Im Spülbecken, auf dem Teppichboden, unter der Kinderbettdecke, auf Klobrillen, sogar im Kühlschrank sollen sich ganz böse Bakterien tummeln. Und das Grauen hat viele Namen: Salmonella, Staphylococcus, Escherichia. Glaubt man der Reinigungsmittelindustrie, »

Krankheitsgefahren statt gesunder Wirkung

Nach Ansicht neutraler Hygieneexperten muss man sich tatsächlich fürchten: nicht vor den Keimen selbst, sondern vor dem Chemikalienarsenal, das die Putzmittelanbieter als „Antibakterien“-Waffen in die Supermarktregale stellen. Die als antibakteriell ausgelobten Produkte wirken letztlich nicht besser als herkömmliche Reiniger, fördern aber die Entstehung von Allergien, schwächen das menschliche Immunsystem und belasten außerdem die Umwelt. Einige der verwendeten Wirkstoffe stehen sogar in Verdacht, Krebs und ähnlich schlimme Erkrankungen auszulösen. Doch mit der Angst der Menschen um ihre Gesundheit lassen sich eben gute Geschäfte machen: sogar antibakterielle Unterwäsche, Anzüge und Socken, Telefonapparate, Küchenmesser und Toilettenpapier, Waschbecken, Badezimmerfliesen und PVC-Fußböden werden inzwischen angeboten.

Ein Gesetz soll das unnötige Desinfizieren weitgehend verbieten

Zum Glück gibt es schon eine EU-Richtlinie, ein demnächst auch im Bundestag zu beschließendes „Biozidgesetz“, das Produkte, die Desinfektionsmittel oberhalb einer bestimmten Konzentration enthalten, verbieten beziehungsweise deren Hersteller zu einer deutlichen Kennzeichnung der Gefährlichkeit verpflichten will. In Österreich ist die Richtlinie schon umgesetzt, bei uns soll das erst demnächst geschehen. Neutrale Hygieniker raten Verbrauchern dazu, das Gesetz schon heute in den eigenen vier Wänden zu verwirklichen und Produkte, die mit „antibakteriell“ werben, nicht ins Haus zu lassen.

Allzweckreiniger mit Nebenwirkungen: vom Kauf abzuraten!

Kaum ein Hersteller, der nicht mindestens einen Allzweckreiniger im Sortiment hat, der mit ähnlichen Etikettaussagen wirbt wie Ajax Antibakteriell: „entfernt 99,9 Prozent der Bakterien, sogar Streptokokken.“ Doch nachgewiesen ist: Die tatsächliche Wirkung ist nicht besser als bei herkömmlichen Reinigern. Dafür sind oft problematische Wirkstoffe enthalten. Bei „Ajax Antibakteriell“ hat der Hersteller das krebsverdächtige, allergene Glutaraldehyd inzwischen zwar ausgetauscht. Doch dafür ist jetzt Milchsäure enthalten – stark ätzend, wenn sie auf die Haut oder in die Augen kommt.

Keinen Deut besser ist das Desinfektionsmittel „Sagrotan“. Der darin enthaltene Wirkstoff Benzalkoniumchlorid gilt als einer der übelsten Auslöser von allergischen Hautkrankheiten.

Unisono warnen das Robert Koch Institut, das Umweltbundesamt und das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin vor allen antibakteriellen Reinigungsmitteln: Sie sind eine Gefahr für Gesundheit und Umwelt und gehören nicht in den Haushalt.

Spülmittelkonzentrate: Nur ohne Wasser wirken sie keimtötend

Noch unsinniger ist der Einsatz angeblich antibakterieller Geschirrspülmittel. Für die sichere Beseitigung eventuell vorhandener Keime auf den Speiseresten reichen heißes Wasser sowie Schwamm und Bürste völlig aus. Auch hier enthalten die Chemiekeulen einiger Anbieter ausgesprochen problematische Wirkstoffe. Das Produkt „Ja!“ der Handelskette Rewe zum Beispiel verwendet ebenfalls Glutaraldehyd.

Der Hersteller von „Palmolive Antibakteriell“ versteckt alle Angaben über Rezeptur und Inhalt kaum erkennbar auf der Etikettrückseite. Nur wer sehr genau hinschaut, kann lesen: „Einen Spritzer direkt auf den Schwamm oder auf das Geschirr geben.“ Nur unverdünnt wird also die angeblich keimtötende Wirkung erzielt. Tatsächlich garantiert ist damit nur eine Schaumschlacht in der Spüle.

Waschmittel: Ein Kampf wie gegen Seuchenträger

Auch hier gilt: Alle herkömmlichen Waschmittel enthalten waschaktive Substanzen und wirken zusammen mit der Waschmaschine zusätzlich mechanisch oder durch die Temperatur gegen Bakterien. Den Keimen mit speziellen Wirkstoffen auf den Leib zu rücken ist also völlig überflüssig. Und auch hier sind etliche für den Menschen ungesund. So versprechen so genannte Kombi-Produkte gleichzeitiges Waschen und Desinfizieren. Doch „DanKlorix“ zum Beispiel enthält unter anderem das für Haut und Schleimhäute gefährliche Ätznatron. In der „Palmolive Antibakteriell Flüssigseife“ befindet sich das hoch problematische Triclosan, das als krebsverdächtig gilt und die Leberfunktion beeinträchtigen kann.

WC- und Abflussreiniger: Tod den falschen Keimen!

Auch hier versprechen Produkte wie „Null-Null-WC-Aktivkraft“, die Bakterien „zu 99,9 Prozent“ zu entfernen. Tatsächlich bewirkt diese Werbung besonders eins: den Volle-Pulle-Angriff der Verbraucher – damit das Klo auch wirklich klinisch sauber wird. Entsprechend hoch ist die Umweltbelastung. Denn eins haben alle dieser angeblichen Wundermittel gemeinsam: Sie landen in den Kläranlagen und entfalten zumindest dort (wo sie ja entsprechend lange wirken können) ihre tödliche Wirkung – an jenen Bakterien, die für die biologische Reinigung unerlässlich sind.

Vor vielen Abflussreinigern muss besonders gewarnt werden. Hoch aggressiv und ätzend wirken sie allemal – das zeigen schon die Hinweise auf den Verpackungen mit ihren Warnsymbolen in grell orange. Die Zeitschrift ÖKO-TEST hat in ihrem Heft Juli 2002 insgesamt 15 Produkte verschiedener Hersteller getestet. Die versprochene Wirkung, die Beseitigung der Verstopfung, stellte sich bei keinem der Mittel richtig ein. Mit nur zwei Ausnahmen („Bio Abfluss frei“ und „AS Bio Abfluss-Reiniger“) lautete das vernichtende Urteil: schädlich für Gesundheit und Umwelt. Warnung: Auf keinen Fall darf man unverträgliche WC- oder Abflussreiniger zusammenschütten, denn dabei entsteht oft Chlorgas – mit stark ätzender und sehr gefährlicher Wirkung auf Lunge und Atemwege!

Von Franz Jägeler

Quelle: WDR.de

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