„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“
Sind „natürliche“ Kosmetikprodukte wirklich so grün, wie sie vorgeben oder sind sie eher “grün gewaschen”? Worauf Du beim Kauf achten solltest, was es mit dem „Wasser-Trick“ auf sich hat und warum es sich lohnt, den ersten Inhaltsstoffen ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken – darüber haben wir mit Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg gesprochen.
Im Jahr 2017 lag der Umsatz mit Naturkosmetik in Deutschland laut Statista bei rund 1,18 Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2007 hat er sich nahezu verdoppelt. Simultan dazu steigt auch das Angebot an Produkten, die "natürliche" Schönheit versprechen.
Siegelflut und falsche Produktversprechen
CC: Frau Schwartau, worauf achten Sie als erstes, wenn Sie in der Drogerie ein Kosmetikprodukt in die Hand nehmen?
Ich kaufe meistens Produkte, die ich schon lange benutze oder die im Test (Öko-Test oder Stiftung Warentest) gut abgeschnitten haben. Bei neuen Produkten, z.B. wenn ich mal ein neues Deo ausprobieren möchte, achte ich auch auf die Inhaltsstoffe und auf die Label. Leider gibt es in Kosmetikregalen sehr viel „Greenwashing“, also Produkte, die vortäuschen „grün, natürlich, umweltfreundlich oder bio“ zu sein.
CC: Vertrauen Sie Aussagen wie "organic", "natürlich" oder "vegan"?
Im kosmetischen Bereich gibt es viel zu viele Siegel – ein buntes Wirrwarr. Vertrauensvoll sind die Aussagen aus Sicht der Verbraucherzentrale immer nur dann, wenn die Kriterien der Labelvergabe transparent sind. Daran scheitert es zuweilen. Und eine neutrale Kontrolle ist natürlich auch wichtig. Firmenversprechungen, die keiner Kontrolle „von außen“ unterliegen, sind eher unglaubwürdig. Auch wenn es banal klingt, aber der alte Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ gilt nach wie vor. Ein staatlich kontrolliertes Siegel, sowie im Lebensmittelbereich bei Biolebensmitteln üblich, wäre unser größter Wunsch und ein wichtiger Schritt in Richtung glaubwürdige Naturkosmetik und Naturkosmetik mit Bioanteil.
CC: Bieten Siegel wie "Natrue" oder "BDIH" eine gute Orientierung? Was haben diese gemein?
Diese Siegel Natrue und BDIH haben sind bewährt und die Kriterien sind weitestgehend transparent. Sie entsprechen zumeist den Erwartungen der Konsumenten, z.B. keine Bestandteile aus Mineralöl, keine Gentechnik, keine Bestrahlung und hauptsächlich natürliche Bestandteile. Es gibt aber auch noch viele andere Siegel wie Ecocert oder Cosmos und auch noch eine neue ISO-Norm. Viele Siegel haben eine lange Geschichte und werden von den Zertifizieren vor allem deswegen bis aufs Blut verteidigt, z.B. weil diese daran verdienen. Leider wird der Markt aber viel zu selten aus Kundensicht angeschaut und Greenwashing kann dadurch auch nicht konsequent verhindert werden.
Zu kleine Schrift und Wasser-Tricks
CC: Für kleinere Kosmetikhersteller ist der Erwerb eines solches Siegels oft mit hohen Kosten verbunden. Gibt es noch andere Faktoren, an denen man sich als Verbraucher orientieren kann?
Ja, an Testergebnissen unabhängiger Institute oder an der INCI-Liste, also dem Verzeichnis der Zutaten, die in absteigender Reihe des Gewichtsanteils erfolgt. Nur die ist auf Englisch und die Begriffe sind schwer zu entschlüsseln. Ein Ärgernis für Kunden ist auch immer wieder die viel zu kleine Schrift oder die Lesbarkeit, z.B. hellblau auf grau. Aber einige altbekannte Naturkosmetikfirmen informieren auch auf Deutsch, z.B. auf der Verpackung oder im Internet, das freut uns sehr!
CC: Woran kann man sich als Verbraucher beim Lesen der Inhaltsstoffliste orientieren?
Achten Sie besonders auf die Stoffe, die ganz weit vorne in der Liste deklariert sind. An erster Stelle in Kosmetika wird meist der Stoff "Aqua" also Wasser genannt. Leider führt eine neue ISO Norm hier verstärkt zum „Greenwashing-Effekt“. Sie bleibt hinter den bekannten Standards zurück und definiert Wasser nun als natürlichen Rohstoff. Aber eine prozentuale Angabe dazu, wieviel Wasser verwendet wurde, gibt es derzeit nicht. Dadurch können Rezepturen im wahrsten Sinne des Wortes verwässert werden, und Hersteller schmücken sich mit Attributen wie "99 % natürlich"
CC: Was bedeutet das genau?
Wenn man jetzt Bio-Naturkosmetik mit einem Bioanteil von 95% herstellt und Wasser zum Bioanteil zählt, dann kommt man schnell auf die Anforderungen. Das sollte auch die Naturkosmetikbranche wachrütteln, diese ist noch erstaunlich still. Wir führen zu dem „Wasser-Trick“ momentan eine umfassende Marktuntersuchung durch, um auf das Täuschungspotential hinzuweisen. Wir hatten gehofft, dass Biokosmetik glaubwürdiger wird, nun geht es leider wieder einen Step zurück.
„Verwässerte“ Produktversprechen
Das Schauma „Nature Momemts“ Shampoo wirbt beispielsweise mit der Aussage „mit Essenzen 100% natürlichen Ursprungs“. Die Hauptzutat ist tatsächlich „natürliches“ Wasser. Daneben enthält es aber auch PEG’s und synthetische Polymere.
„Vegan. Ohne Parabene & Silikone,“ steht groß auf der Seife von Jean & Len. Aber die enthaltenen Sulfate und nicht zertifiziertes Palmöl verstecken sich im Kleingedruckten.
CC: Was denken Sie: Kann man bei Kosmetik, die 5 Euro oder weniger kostet verlangen, dass sie weder "verwässert" ist noch minderwertige oder potenziell schädliche Stoffe wie Mineralöle, Parabene oder synthetische Polymere aufweist?
Na ja, ein Preis von 5 € ist nicht allzu hoch. Echte Naturkosmetik mit natürlichen Ölen und Pflanzenstoffen beinhaltet in der Regel teurere Rohstoffe als konventionelle Kosmetik. Zudem ist der Herstellungsaufwand größer. Daher sind 5 € ja nach Packungsgröße und Produktart, also ob es sich um ein Shampoo, ein Deo oder eine Creme handelt, erstmal nicht so ein hoher Preis. Bio-Lebensmittel sind normalerweise auch teurer als konventionelle Lebensmittel, der Produktionsaufwand ist einfach größer. Aber der Preis allein ist nicht entscheidend, wichtig sind die Inhaltsstoffe.
CC: Vielen Dank für das Gespräch.
Silke Schwartau ist Beraterin bei der Verbraucherzentrale Hamburg. ©vhzz
Bei diesen Produkten steht „das Gute“ ganz oben
CodeCheck und die vzhh
Für unsere Bewertungen der Inhaltsstoffe greifen wir bei CodeCheck auf seriöse Datenquellen und renommierte Experten zurück . Die Verbraucherzentrale Hamburg unterstützt uns bereits seit Jahren mit ihrer Expertise zu E-Nummern.