Tierversuche in der Kosmetikindustrie: Wie weit greift das Verbot?

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Seit dem 11. März 2013 sind EU-weit der Verkauf von Kosmetikprodukten verboten, deren Inhaltsstoffe nach diesem Datum an Tieren getestet wurden. Auch dann, wenn die Tierversuche außerhalb Europas stattfanden. Die Industrie ist gezwungen, auf bisher zugelassene Inhaltsstoffe zurückzugreifen oder tierversuchsfreie Testmethoden zu entwickeln. Schlupflöcher gibt es trotzdem noch.

Ein langer Weg zum Verbot

Jahrzehntelang war es in der Beauty-Industrie üblich, Inhaltsstoffe für Kosmetikprodukte an Kleintieren wie Mäusen, Kaninchen oder Meerschweinchen zu testen. Diese Experimente sollten dafür sorgen, dass Lippenstifte, Haarspray & Co. für die Verbraucher unbedenklich sind.

Getestet wurden die Stoffe auf mögliche Haut- und Augenschleimhautreizungen, ihre Giftigkeit bei Verschlucken und darauf, ob sie Allergien oder Krebs auslösen oder die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Für die Versuchtiere bedeutete dies, Zwangsinjektionen – auch tragender Tiere – das Fixieren in Rohren und Apparaturen und das anschließende Töten.

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Mit wachsendem Widerstand gegen Tierversuche handelte auch die EU. Um den Herstellern Zeit zu geben, alternative Testverfahren zu entwickeln, wurden schrittweise Verbote durchgesetzt.

So sind seit 2004 Tierversuche für kosmetische Endprodukte verboten. Fünf Jahre später folgte zudem ein EU-weites Verkaufsverbot für Kosmetikinhaltsstoffe, die an Tieren getestet wurden. Bei Tests zum Krebsrisiko, die Schädigung von Embryonen und über allergieauslösende Eigenschaften gab es allerdings Ausnahmeregelungen.

Im März 2013 trat dann die letzte Stufe des Verbots in Kraft. Demnach ist der Verkauf und die Einfuhr von Kosmetikprodukten und Kosmetikinhaltsstoffen EU-weit verboten, bei deren Herstellung auf Tierversuche zurückgegriffen wurde. Sind damit nicht automatisch alle Kosmetikprodukte tierversuchsfrei? Ganz so einfach ist es leider nicht.

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Schlupflöcher gibt es immer noch

Denn das Tierversuchsverbot gilt nur für Inhaltsstoffe, die ausschließlich in Kosmetikprodukten landen. „Das sind jedoch leider nur etwa 10 Prozent aller Substanzen. 90 Prozent der Substanzen werden auch in anderen Produkten wie Wandfarben, Haushaltsreinigern oder Medikamenten eingesetzt“, so Dr. Tanja Breining, Fachreferentin der Tierrechtsorganisation „PETA“ gegenüber CodeCheck.

Demnach herrscht in der EU Unstimmigkeit darüber, was überhaupt unter „Kosmetikinhaltsstoffen“ verstanden wird. Denn viele der in Kosmetik eingesetzten Rohstoffe fallen auch unter die Rubrik „Chemikalien“ und müssten deshalb nach der Chemikalienverordnung REACH (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals, 2006) nach wie vor an Tieren getestet werden, erklärt die „PETA“-Referentin.

Die EU-Chemikalien-Verordnung REACH verpflichtet Chemieunternehmen, Informationen über die Gefahren für die menschliche Gesundheit und die Umwelt nahezu jeder Chemikalie, die in Europa genutzt wird, vorzulegen. Dabei gilt: „Alte Chemikalien, die vor 2007 nicht ausreichend geprüft wurden, müssen bis spätestens 2018 nachträglich auf ihre Giftigkeit getestet werden – unter anderem in Tierversuchen“, erklärt Dr. Tanja Breining.

Auch der „Industrieverband Körperpflege und Waschmittel“ schreibt dazu auf seiner Homepage: „In diesem Sinne kann daher – auch nach Inkrafttreten des generellen Tierversuchsverbots – von keinem Kosmetikprodukt gesagt werden, dass es ‚tierversuchsfrei‘ ist.“

Außerdem gibt es immer noch Länder wie China, die auch internationale Marken gesetzlich dazu verpflichten, ihre Kosmetik- und Pflegeprodukte an Tieren zu testen. So ist es möglich, dass ein Hersteller seine Produkte als „tierversuchsfrei“ in Europa belabelt und für den Verkauf in China dennoch Tierversuche durchführt. Laut Dr. Tanja Breining treffe das auf viele Hersteller zu.

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Staatliches Umdenken notwendig

Viele Kosmetikfirmen sind selbst daran interessiert, neue Produkte und Inhaltsstoffe tierversuchsfrei anzubieten und investieren seit Jahren in die Weiterentwicklung alternativer Testmethoden.

Aber es braucht vor allem ein staatliches Umdenken und gezielte finanzielle Förderung von alternativen Testmethoden, um Tierversuchen einen Riegel vorzuschieben. Insgesamt wurden in Deutschland im Jahr 2016 laut „Bundesministerium für Energie und Landwirtschaft“ (BMEL) 2.854.586 Tiere bei Versuchen „verwendet“. Die Kosmetikindustrie selbst verursacht dabei nur einen Bruchteil des Tierleids – weiter reglementiert gehören die Grundlagenforschung, die medizinische Forschung und die Pharma- und Chemieindustrie.

Bei der Förderung alternativer Tests hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher, auch wenn das „BMEL“ das auf seiner Homepage anders sieht. Hier wird der deutsche Beitrag zur Erforschung von Alternativmethoden als „herausragend“ bezeichnet.

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen sieht darin allerdings eher eine Alibi-Veranstaltung. Während die Bundesregierung im letzten Jahr 4,7 Millionen Euro Fördergelder zur Verfügung stellte, waren es zum Beispiel in Großbritannien elf Millionen. In die tierexperimentelle Forschung fließen hingegen Milliardenbeträge. Weiter steht auf der Homepage der Partei: „[...] Die Bundesregierung hat die ökonomische Bedeutung humanrelevanter Methoden im Bereich der tierversuchsfreien Forschung [...] nicht erkannt und bleibt stattdessen in starren Förderstrukturen gefangen. Ein Umlenken ist dringend nötig.“

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Alternative Testmethoden: Auf den Menschen übertragbar?

Trotz der geringen Förderung gibt es bereits sichere Alternativmethoden, auch wenn Gegner die Vergleichbarkeit der Testergebnisse immer wieder bemängeln. Laut „PETA“-Fachreferentin Dr. Tanja Breining seien diese tierfreien Methoden neben dem ethischen Aspekt zudem weniger langwierig als Tierversuche, verursachten nur einen Bruchteil der Kosten und seien zuverlässig auf den Menschen übertragbar.

In einem Positionspapier weist auch das „Bundesamt für Risikobewertung“ (BfR) auf die Sicherheit der anerkannten tierversuchsfreien Methoden hin.

Welche alternativen Testverfahren gibt es?

Drei Beispiele:

In-vitro-Verfahren: Dreidimensional wachsende Zellkulturen werden mittlerweile so kultiviert, dass sich mit ihnen komplexe Gewebe wie den Herzmuskel, Blutgefäße oder ganze Organe nachbauen lassen. Ein Beispiel hierfür ist künstlich hergestellte menschliche Haut. Die Verwendung von Meerschweinchen oder Mäusen, denen eine Substanz injiziert oder auf die rasierte Haut aufgetragen wurde, wird damit beispielsweise überflüssig.

Computer-Verfahren: Computersimulatoren ermöglichen es mittlerweile, die verschiedenen Organsysteme des menschlichen Körpers auf sogenannten Bio-Chips nachzubilden und miteinander zu vernetzen. Außerdem gibt es computergestützte Techniken, die differenziert errechnen, wie schädlich ein Stoff für den menschlichen Organismus sein kann.

Bildgebende Verfahren: Im sogenannten „Microdosing“ erhalten Freiwillige einmalig eine extrem niedrige Stoffdosis. Ein hoch entwickeltes bildgebendes Verfahren überwacht das Verhalten des Medikaments im Körper. Außerdem sind Techniken wie die Magnetresonanztomografie mittlerweile so gut entwickelt, dass es möglich ist, das menschliche Gehirn bis auf der Ebene eines einzelnen Neurons sicher zu untersuchen. Experimente an Gehirnen von Säugern werden damit überflüssig.

Fazit

Die Sicherheit von Kosmetikprodukten und Kosmetikinhaltsstoffen wird in Deutschland seit Jahren ohne Tierversuche erprobt. Allerdings greift das EU-weite Tierversuchsverbot nicht so weit, dass man von komplett „tierversuchsfreien“ Produkten sprechen kann.

Zwar machen die Tests in der Kosmetik-Industrie nur einen Bruchteil aller Tierversuche aus, überflüssig ist dieses Leid trotzdem. Neben der medizinischen Forschung und der Pharma- und Chemieindustrie trägt vor allem die Grundlagenforschung mit fast 44 Prozent der Tiere den größten Anteil.

Die Forschung nach alternativen Testmethoden wird – im Gegensatz zur tierexperimentellen Forschung – nur minimal finanziert. Auch deshalb gibt es in manchen Bereichen noch keine adäquate Alternative. Die Niederlande gehen mit gutem Beispiel voran. Sie wollen bis zum Jahr 2025 weltweit führend in der tierversuchsfreien Forschung werden.

Doch nicht nur die Politik ist in der Verantwortung – auch unser Kaufverhalten spielt eine große Rolle, wenn Tierversuche irgendwann der Vergangenheit angehören sollen. Achte beim Einkaufen auf entsprechende Siegel – und frag bei Unsicherheiten beim Hersteller direkt nach.

Diesen Siegeln kannst Du beispielsweise vertrauen:

- Veganblume (tierversuchsfrei, vegan)

veganblume

© The Vegan Society

- BDIH Zertifikat (tierversuchsfrei)

BDIH

© BDIH

Leaping Bunny, der springende Hase (tierversuchsfrei)

the leaping bunny

© HCS

- IHTK Internationaler Herstellerverband gegen Tierversuche in der Kosmetik (tierversuchsfrei)

IHTK

© IHTK

Weitere Informationslisten zu Inhaltsstoffen und Tierversuchen in der Kosmetik findest Du hier:

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