Thunfisch – der bedrohte Jäger

Auf der Pizza, im Sushi, aus der Welt

Thunfisch – der bedrohte Jäger - Auf der Pizza, im Sushi, aus der Welt

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Auf der Pizza, im Sandwich oder als Sushi – Thunfisch ist weltweit in aller Munde. Seit den 1990er Jahren ist die Nachfrage rasant gestiegen. Und das hat Folgen: Wie bei vielen Fischarten schwinden auch die weltweiten Thunfisch-Bestände drastisch. Wie steht es in Zukunft um den ehemaligen „König der Meere“?

Der Blauflossen-Thunfisch

Zu den Thunfischen, die auf unseren Tellern landen, gehören sieben verschiedene Gattungen, die zum Teil stark überfischt oder vom Aussterben bedroht sind. Am bekanntesten ist der atlantische Blauflossen-Thunfisch, der wegen seines roten, fettigen Muskelfleischs auch Roter Thun genannt wird. Er wird vorrangig zu Sushi verarbeitet.

Waren früher Exemplare mit einem Gewicht von einer halben Tonne keine Seltenheit, gelten heute schon 300 Kilogramm als guter Durchschnitt.

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Auf der Roten Liste

Der Rote Thun wird auf der ganzen Welt als Delikatesse nachgefragt. Allen voran Japan, hier wird sage und schreibe 80 Prozent des weltweit gefangenen Thunfischs gegessen. Doch auch der Rest der Welt treibt mit seinem Hunger nach Sushi und Co. die Fangbemühungen der Fischerei-Industrie an.

Da sich Thunfische seit Menschengedenken auf den selben Routen bewegen und zwei feste Laichplätze nutzen, um sich fortzupflanzen – das Mittelmeer und den Golf von Mexiko – macht es den Fischern leicht, den Tieren nachzustellen.

Auch der Großaugen-Thunfisch und der Weiße Thunfisch, den wir als Dosen-Thunfisch kaufen, stehen als gefährdet auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten, die von der „Weltnaturschutzunion“ (IUCN) geführt wird.

Der Südliche und Atlantische Blauflossen-Thunfisch allerdings sind vom Aussterben bedroht. Im Indischen Ozean ist der ursprüngliche Bestand bereits um 90 Prozent geschrumpft. Auch im Mittelmeer und im Atlantik liegt die Zahl der erwachsenen Tiere nur noch bei 20 Prozent des Niveaus von 1970.

Auch andere Erhebungen verheißen nichts Gutes. Laut des Living Blue Planes Reports des „WWF“ aus dem Jahr 2015 ist die gesamte Populationsgröße in den letzten Jahrzehnten um 74 Prozent eingebrochen.

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Hohe Gewinne heizen die Jagd an

Trotzdem, die Jagd geht weiter. Als der große Sushi-Boom in den 1990ern einsetzte, rieben sich die Thunfischer an den Küsten des Mittelmeers, angesichts der großen Nachfrage aus Japan und den USA, die Hände. Bis heute dominiert hier Japan den Markt – beispielsweise gilt der Autokonzern „Mitsubishi“ als größter Thunfisch-Händler der Welt.

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Die traditionelle Fischerei wurde von modernen Fangmethoden mittlerweile fast vollständig verdrängt. Sind die Schwärme per Echolot geortet, kommen Ringwaden und Schleppnetze zum Einsatz.

Ringwaden sind Rundnetze, die ringförmig um einen Fischschwarm ausgelegt und unten mit einer Schnürleine zugezogen werden. Schleppnetze hingegen werden durch das freie Wasser von einem oder mehreren Booten gezogen. Das tütenförmige Netz ist am Ende durch eine Tasche geschlossen, in der sich die Fische sammeln. Die Netzöffnung kann dabei bis zu zwölf Fußballfelder groß sein und rund 500 Tonnen Fisch fangen.

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Welche Siegel können Orientierung geben?

Auch wenn sich die Beifang-Mengen reduziert haben, verheddern sich nach wie vor Delfine, Haie, Schildkröten und viele andere Tiere in den Netzen. Sie verenden unter Wasser oder werden verletzt wieder ins offene Meer geworfen. Weltweit gesehen sind das jährlich rund 38,5 Millionen Tonnen Beifang, die laut des „WWF“ bei der vorherrschenden Fischereipraxis in Kauf genommen werden.

Vor allem Thunfisch-Konserven sind deshalb oft mit Siegeln versehen, die nachhaltige Fangmethoden deklarieren.

Eines der bekanntesten das das SAFE-Siegel. Hier sollen keine delfintödlichen Fangmethoden zum Einsatz kommen. Denn Thunfische halten sich oft unter Delfinschulen auf, diese wurden lange Zeit als Beifang einfach in Kauf genommen. Wie viel anderer Beifang verursacht wurde, ob der Fang aus überfischten Gebieten stammt, oder ob es sich um faire Fischereiabkommen handelt, all das garantiert SAFE nicht.

Ein weiteres Siegel ist das MSC-Siegel („Marine Stewardship Council“) – bei der unanhängigen Organisation (ursprünglich gegründet von WWF und Unilever) können sich Fischereien nach MSC-Umweltstandard zertifizieren lassen. Danach müssen folgende drei Grundstandards erfüllt werden:

  • „Schutz der Fischbestände“
  • „Minimale Auswirkungen auf das Ökosystem“
  • „Verantwortungsvolles und effektives Management“

Kritik wird aber immer wieder laut: Laut „Greenpeace“ seien die Standards beispielsweise zu weich formuliert und für eine Zertifizierung müssten ohnehin nur 60 bis 80 Prozent von diesen erfüllt werden. Dadurch könnten Fischereien ungesunde und ausgezehrte Bestände weiter befischen – trotz MSC-Siegels.

Dennoch ist das Siegel – auch aus Sicht der „Verbraucherzentralen“ ein Schritt in die richtige Richtung: „Es hat dazu beigetragen, den nachhaltigen Fischfang zu fördern und als wichtiges Ziel in der Gesellschaft zu verankern.“

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© SAFE & MSC

Fangbeschränkungen

Laut der „Internationalen Kommission zur Erhaltung der Thunfischbestände im Atlantik“ (ICCAT) haben die Thunfisch-Fänge im Mittelmeer und im Ostatlantik nach einem Höhepunkt im Jahr 1996 stetig abgenommen. Von einst 50.000 Tonnen auf 32.000 Tonnen Fangmenge im Jahr 2004.

2006 beschloss die „ICCAT“ Fangbeschränkungen und einen 15-jährigen Wiederauffüllungsplan für die Bestände des Roten Thunfischs im Ostatlantik und Mittelmeer. Trotzdem betrug die europäische Gesamtfangmenge im vergangenen Jahr knapp 13.500 Tonnen Thunfisch.

Mit einem zeitweiligen Fangverbot stoßen Umweltschützer auf taube Ohren der Fischerei-Industrie. Das Ressort „Maritime Angelegenheiten und Fischerei“ der Europäischen Kommission ist auf seiner Homepage von dem nachhaltigen weltweiten Fischerei-Management überzeugt und sieht den Roten Thun als vorrangiges Beispiel für nachhaltiges Management.

Organisationen wie „Greenpeace“ oder der Verein „fair-fish“ halten mit ausführlichem Informationsmaterial dagegen. Denn mittlerweile werden – trotz teilweiser Fangbeschränkungen – zunehmend auch junge Thunfische gefangen, noch bevor sie sich fortpflanzen können. Auf offener See zu kontrollieren, wie viel Thunfisch tatsächlich aus dem Meer gezogen wird, ist trotz der Inspektionsprogramme sehr schwierig, bestätigt auch die „ICCAT“.

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Warum nicht einfach Zuchtthunfisch?

Dann eben züchten statt fangen? Auch wenn Wissenschaftler auf der ganzen Welt an neuen Zuchtmethoden tüfteln, geht diese Rechnung nur bedingt auf. Das Problem: In Gefangenschaft lassen sich Thunfische bislang kaum vermehren. Auch Kannibalismus ist nach wie vor ein Problem. Doch der Ansporn der Züchter und Forscher ist angesichts des riesigen Absatzmarktes groß.

Für die Aufzucht werden bislang junge Thunfische gefangen und in Unterwasserkäfigen sechs bis zwölf Monate gemästet. Um ein Kilo Thunfisch zu erzeugen, müssen etwa 20 Kilo Futter (Fischmehl und Futterfisch) verfüttert werden. Das macht die Mast teuer. Noch bevor sie sich fortpflanzen können, werden die Tiere geschlachtet und verkauft. Mastbetriebe tragen mit dieser Praxis zur Ausrottung der Art bei. Laut „fair-fish“ stammt mindestens die Hälfte des verkauften Mittelmeer-Thunfischs aus solchen Mästereien.

Außerdem belasten die Fischfarmen die umliegende Küstenregionen enorm. Durch die großen Kotmengen ist das Wasser stark verschmutzt. Eine weitere Belastung sind die eingesetzten Medikamente, die Keimen und Krankheiten vorbeugen sollen.

Schluss

Der Rote Thunfisch ist nach wie vor unter den Top Five der beliebtesten Speisefische weltweit, zeitgleich steht er auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten. Auch wenn ihn unser Hunger an den Rande des Aussterbens gebracht hat, machen wir dem Thunfisch nur zögerlich Zugeständnisse. Sinkt der Umfang des Bestandes weiter, könnte es bald nicht mehr wirtschaftlich sein, den Blauflossen-Thunfischs zu jagen. Dann wäre der „König der Meere“ kommerziell ausgerottet.

Bislang argumentieren die Japaner mit traditionellen Essgewohnheiten und wir mit unserer Lust auf Sushi & Co. Artenvielfalt oder Thunfisch-Maki? Das muss jeder selbst entscheiden.

Für alle, die eine Einkaufshilfe beim Kauf von Fisch und anderen Meerestieren möchten, stellt der „WWF“ hier in seinem Einkaufsratgeber hilfreiche Informationen zu Fangmethoden, Zucht und einzelnen Siegeln zur Verfügung.

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