Lidl sorgt für Transparenz in der Lieferkette. Doch was bringt das wirklich?

Eigenes Textil- und Schuhsortiment

Lidl sorgt für Transparenz in der Lieferkette. Doch was bringt das wirklich? - Eigenes Textil- und Schuhsortiment

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Am Dienstag veröffnetlichte Lidl als erster Lebensmitteleinzelhändler mit Non-Food-Sortiment die Hauptproduktionsstätten seiner rund 650 Lieferanten für das Textil- und Schuhsortiment der Eigenmarken. Mehr Transparenz in der Lieferkette klingt gut – doch was bedeutet das konkret?

Aufgeführt werden laut Lidl „unabhängige Hersteller, an die Lidl Aufträge zur Herstellung seiner Produkte vergibt. Die halbjährlich aktualisierte Liste umfasst Namen, Adressen und Länder sämtlicher Hauptproduktionsstätten.“

Dieser Schritt soll für Transparenz und sozial- und umweltverträgliche Bedingungen bei den Herstellern vor Ort sorgen. Doch was sagen Experten dazu, die sich unserern konsumorientierten Fast-Fashion-Folgen beschäftigen?

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Experteneinschätzung

Maik Pflaum – Referent für Entwicklungspolitik bei der entwicklungspolitischen Organisation „Christliche Initiative Romero“ – gegenüber Codecheck:

„Grundsätzlich handelt es sich um einen wichtigen Schritt hin zu mehr Transparenz – doch die veröffentlichte Liste sagt noch nichts über die Arbeitsbedingungen aus. Das Problem ist: Jene unabhängigen Hersteller vor Ort sind sehr wohl abhängig von Lidl oder anderen Kunden. Beispielsweise von Abnahmepreis oder Lieferfristen – sind diese zu niedrig oder zu kurzfristig, gerät der der Hersteller unter Druck. Dieser Druck wird dann wiederum an die Arbeiterinnen weitergegeben, zum Beispiel in Form von Überstunden oder Lohnsenkungen. Es kann auch vorkommen, dass die unabhängigen Hersteller aufgrund des Lieferdrucks die Aufträge auf verschiedene Produktionsstätten oder weitere Produzenten aufteilen – der Kunde erfährt davon nichts. Deshalb lassen sich die Produktionsbedingungen vor Ort so schwer kontrollieren.“

Weiter führt Pflaum fort: „Eigentlich wird die Verantwortung hier von den großen Firmen einfach an die Hersteller in den jeweiligen Ländern weitergeben – Lidl & Co. sind da fein raus. Letztlich ist die alleinige Forderung von Lidl „Haltet die Arbeitsbedingungen ein“ zu kurz gedacht und oftmals nichts als Alibi für die Kunden in Deutschland.“

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Weitere Initiativen

Laut Eigenaussage sorgt sich Lidl auch andersweitig um eine saubere Lieferkette. Man erfährt: Seit 2008 arbeitet das Unternehmen beispielsweise mit der „Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ (GIZ) zusammen. GIZ-Mitarbeiter vermitteln hierbei in Schulungen internationale Arbeits- und Umweltschutzstandards in den Produktionsstätten.

Desweiteren ist Lidl Mitglied der „Business Social Compliance Initiative“ (BSCI). Von dieser lässt Lidl – so heißt es auf der Webpage – „regelmäßig unabhängige Kontrollen durch qualifiziertes Personal vor Ort durchführen“.

Maik Pflaum von der „Christliche Initiative Romero“ sieht das kritisch: „Die BSCI ist eine Unternehmensinitiative, der auch Firmen wie Aldi oder Deichmann angehören. Die Kontrollen sind leider einfach oft nicht zufriedenstellend: Entweder ist die Methode nicht gut oder die Zeit reicht nicht. Auch fehlendes Vertrauen spielt eine große Rolle.“

Er verdeutlicht: „Stellen Sie sich vor, Sie wären Arbeiterin in einer Fabrik und müssten einer fremden Person Fragen zu den Arbeitsbedingungen beantworten. Wer garantiert Ihnen, dass Sie danach noch Ihren Job haben? Nicht bestraft werden? Dieses Vertrauen in die Kontrolleure müsste langfristig aufgebaut werden – erst dann kann man ehrliche Antworten erwarten.“

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Die Konsumenten haben eine Wahl

Als Verbraucher sollte man sich informieren – dann findet man Alternativen! Stefanie Linner von „Micha-Initiative Deutschland“: „Abgesehen davon, dass auch Kleidertauschbörsen-/Parties oder Second Hand Läden sehr preiswerte Optionen zum „neuen“ Kleidungsstück bieten, gibt es auch diverse Internetplattformen, die eine große Auswahl an ökofairer Mode anbieten.“

Man müsse sich bewusst machen, dass Textilien sozial und ökologisch nachhaltig produzieren zu lassen beim Kauf eines T-Shirts nur ungefähr 12 Cent mehr kosten würde. Dies habe allerdings zur Voraussetzung, dass die jeweiligen Produktionsfirmen ihre Gewinnspannen nicht ganz so hoch ansetzen und davon mehr in faire Löhne und gesunde Produktionsbedingungen investieren.

„Bisher bekommt eine Näherin in Bangladesch vom Endpreis eines T-Shirts nur ungefähr 1% Lohn ausgezahlt“, so Linner.

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Zurück zu Lidl: Kann ich die Kleidung dort jetzt mit guten Gewissen kaufen?

Maik Pflaum: „Nein. Die geschaffene Transparenz ist zwar sehr wichtig und erhöht hoffentlich auch den Druck auf andere Firmen – aber die Einkaufspraxis hat sich ja gar nicht geändert. Also: Wie und was wird bei den Produzenten bestellt? Und wer garantiert eine verlässliche, unabhängige Kontrolle?“

Codecheck meint: Lidls Vorstoß muss gewertschätzt werden, allerdings hört die Verantwortung hier nicht auf. Für keinen von uns.

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