Alcopops | Süß, trendy, fatal

Alcopops | Süß, trendy, fatal -

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Minderjährige kommen problemlos an verbotenen Alkohol. Unsere Analyse von 57 Alcopops zeigt, warum die süßen Drinks mit dem harten Sprit gerade für sie kritisch sind.

Eine Einkaufstour, die im Krankenhaus enden könnte: Zwei Schüler, 14 und 15 Jahre alt, sind unterwegs, um Alcopops zu kaufen. Das Mädchen: ein kecker, etwas aufmüpfiger Teenie, der Junge: eher schüchtern, zierlich, mit heller Stimme, ganz klar noch ein Kind. Niemand, der die beiden sieht, kann sie auf 18 Jahre schätzen. Und erst ab 18 erlaubt das Jugendschutzgesetz den Kauf von Alcopops – süße Drinks mit hartem Sprit.

20 Flaschen in zwei Stunden

Die beiden Jugendlichen werden von uns verdeckt begleitet, wir protokollieren ihre „Einkaufserfolge“ – und nehmen diese selbstverständlich gleich in Verwahrung. Unsere Stationen: drei Discounter, drei Supermärkte, drei Tankstellen und drei Kioske in belebten Kiezen von Berlin.

Die erste Station macht den jungen Testern Mut: Ohne jede Nachfrage werden die Flaschen an der Kasse des Discounters abkassiert. Und so geht es weiter. In zwei Fällen wird zwar nach Alter und Ausweis gefragt. Aber an der Kasse gibt man sich zufrieden mit der ausweichenden Antwort: „Einen Ausweis haben wir nicht dabei.“ Eine Abfuhr wird ihnen erteilt bei zwei Tankstellen ( „Ihr seid doch noch keine 18“) und bei zwei Kiosken. Dennoch ist nach zwei Stunden die Ausbeute beeindruckend: Immerhin acht der zwölf Verkaufsstellen im Test gaben diverse alkoholische Mixgetränke ab, insgesamt 20 Flaschen – mit Wodka, mit Rum oder Tequila. Eine zweite Einkaufstour mit zwei 16-jährigen Schülern führte zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

Fazit: In etwa drei von vier Geschäften konnten unsere minderjährigen Tester problemlos unerlaubten Alkohol kaufen. Die Party könnte steigen, mit möglicherweise fatalem Ausgang. Wir haben nachgerechnet: Die 20 Flaschen Alcopops enthalten insgesamt fast 250 Gramm reinen Alkohol. Das reicht fürs „Koma-Trinken“, möglicherweise aber auch für eine Alkoholvergiftung – inklusive Entgiftung im Krankenhaus.

Scharfer Sprit – gut getarnt

Wir haben Alcopops auch chemisch überprüft und dafür 57 verschiedene Premixes – so heißen die Drinks in der Branche – eingekauft. Unser erster Eindruck: Der Alkohol in Alcopops ist gut getarnt, das Etikett verrät nicht viel. Die oft abenteuerlichen Namen – White Kiss, Free Climber, Sex on the Beach – zielen auf Emotion, nicht auf Information. „Kohlensäurehaltiges Mixgetränk“ heißt es dann oft nur in der Produktbeschreibung, wie bei einem harmlosen Erfrischungsgetränk. Auch geschmacklich wird der Alkohol maskiert. Die Mixturen mit Wodka, Rum, Whisky, Tequila und anderen harten Spirituosen schmecken süß, meist intensiv fruchtig wie Limonade oder Brause, und nach vielen künstlichen Aromastoffen. Jugendliche stört das selten. Im Gegenteil, es erinnert an Bubble Gum und Gummibärchen. Und es übertönt den Alkoholgeschmack, den Heranwachsende meist als unangenehm scharf und streng empfinden. Doch Rigo, Breezer, Strobe und Co. lassen sich wegkippen wie Limo.

Das aber kann gefährlich werden. Denn die peppig aufgemachten, handlichen 275-Milliliter-Fläschchen enthalten im Schnitt 5,5 Volumenprozent Alkohol, 12 bis 13 Gramm – so viel wie in einem doppelten Schnaps. Wobei auf die deklarierten Volumenprozente nicht immer Verlass ist: In vier Fällen wichen die deklarierten Werte von den tatsächlichen Gehalten um mehr als 0,3 Volumenprozent ab.

Farb- und Konservierungsstoffe

Bunte Alcopops enthalten Farbstoffe, meist synthetische Azofarbstoffe. Ihr Allergierisiko wird immer wieder betont. Und der Verdacht, am so genannten Zappelphillip-Syndrom bei Kindern beteiligt zu sein, ist nicht völlig ausgeräumt. Bei Strobe Black, Strobe Blue, Tabu Subsinthe Cranberry und Ustinoff Red Energie fanden wir falsche Farbstoffangaben, beim Ustinoff Mix sogar einen nicht identifizierbaren – und damit nicht zugelassenen – Farbstoff. Neben Sorbinsäure ist auch der Kon­­ser­vie­rungsstoff Benzoesäure in Alcopops reichlich vertreten. Er ist wegen möglicher Unverträglichkeitsrisiken umstritten.

Deutlich wird: Diese Getränke sind oft synthetische Mixturen – was drinsteckt, stammt meist aus dem Labor. Und die Entfremdung geht weiter: Die GO-Wodka-Drinks schluckt man aus Tuben statt aus Flaschen. Was die Alcopops im Einzelnen enthalten, erfährt der interessierte Käufer meist nicht. Denn anders als bei Limo oder Cola ist bei Alcopops ein Zutatenverzeichnis nicht vorgeschrieben. Nur der Alkoholgehalt muss genannt werden.

In einigen Mixturen (vor allem bei Strobe) fanden wir relativ viel Koffein. Koffein regt wie Alkohol Herz und Kreislauf an. Beim ausgiebigen Tanzen in der Disco oder auch beim Sport kann diese Kombination gefährlich werden.

Bei Mari Mayans Absenta Collectors 70 erschreckte schon der Name, den ausgelobten Rauschstoff Thujon aus Absinth konnten wir aber nicht aufspüren. Figurbewusste Jugendliche sollten auch wissen: Zucker und Alkohol enthalten keine wichtigen Nährstoffe, dafür aber viele Kalorien. Im Schnitt stecken in einem Alcopop um 200 Kilokalorien, deutlich mehr als in der gleichen Menge Limonade oder Cola. Nicht zu vergessen: Alkohol weckt zusätzlich den Appetit.

Was tun?

Unser Testeinkauf zeigt: Trotz des Jugendschutzge­setzes wird Minderjährigen verbotener Alkohol meist verkauft. Das ist angesichts der damit verbundenen Gefahren ein Skandal. Es geht nicht um Schuldzuweisungen in Richtung Kassiererin. Die Situation an der Kasse ist meist anonym und gehetzt. Und es ist zusätzlich verwirrend, dass beispielsweise Bier- oder Weinmixgetränke, wie auch Wein und Bier, bereits ab 16 gekauft werden dürfen, spirituosenhaltige Premixe aber erst ab 18 Jahre.

Die Deklaration der Alcopops muss verbessert werden: Die Drinks dürfen nicht verharmlosend als eine Art Erfrischungsgetränk präsentiert werden. Alkoholge­halt und Abgabealter müssen groß und deutlich sein. Besser noch: ein deutlicher Warnhinweis wie „Darf nicht an Minderjährige abgegeben werden“.

Die Werbestrategie für Alcopops darf nicht gezielt Emotionen und Träume einer jugendlichen Käuferschicht anpeilen.

Durch eine wirksame Sondersteuer wären Alco­pops weniger leicht erschwinglich. Frankreich hat diese Maßnahme bereits 1997 ergriffen. Erfolg: Alcopops sind dort fast vom Markt verschwunden. Die Schweiz hat jetzt nachgezogen.

Eltern und Schule müssen über physische und psychische Risiken des Alkoholkonsums aufklären. Heranwachsende können ihre Reaktion auf Alkohol noch nicht abschätzen, sie haben dann ihre Emotionen und Aggressionen nicht im Griff. Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen hat auch mit Alkohol zu tun.

Quelle: STIFTUNG WARENTEST

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