Säuglingsernährung

Babymilch aus Plastik-Kapseln – muss das sein?

08. Okt. 2015 von

Ob sich Nestlé gedacht hat, Kundenbindung beginne am besten schon im Babyalter? Die Säuglingsnahrung aus der Kapsel ist jedenfalls seit einiger Zeit Realität – und in der Schweiz und in Frankreich bereits im Handel erhältlich.

Es ist kaum zu glauben, aber tatsächlich wahr: Nestlé hat das Kapselsystem BabyNes für Säuglingsnahrung erfunden. Und wirbt mit Ausdrücken wie „Die Babynahrung der neuen Generation“ oder „Die Babynahrung von morgen, für die Kleinen von heute“. Die Maschine natürlich intelligent, das System vom „Modell der Muttermilch inspiriert“. Fast könnte man bei all der Lobhudelei vergessen, dass die Natur dem Baby die perfekte Säuglingsnahrung zur Verfügung stellt – in Form von Muttermilch.

Die angeblichen Vorteile und der gesunde Menschenverstand

Entwicklungsgerechte Ernährung

Für die entwicklungsgerechte Ernährung gibt’s sechs unterschiedliche Kapseln, die bis zum Alter von drei Jahren die Ernährungsbedürfnisse der Kinder abdecken sollen. Klar ist: Muttermilch und, ab dem Alter von 4-6 Monaten, gesunde, frisch zubereitete Mahlzeiten decken die Ernährungsbedürfnisse eines Kindes hinreichend ab. Kann oder will eine Mutter nicht (lange) stillen, kann immer noch auf herkömmliche Säuglingsnahrung und, ab 1 Jahr, auf (Bio-)Milch zurückgegriffen werden.

Einfache Zubereitung

Klar – so eine intelligente Maschine bereitet den Schoppen quasi im Alleingang zu. Laut Hersteller-Webseite „mit nur einem Knopfdruck“, „in weniger als einer Minute“, „ohne Klümpchen“, optimal temperiert, hygienisch dank „integriertem Wasserfilter“ in jeder(!) Kapsel.

Wer wirklich Säuglingsnahrung geben muss oder will, der weiß: Wasser kann auch morgens in größerer Menge abgekocht werden, so dass es für den ganzen Tag reicht, gegen Klümpchen hilft die richtige Zubereitung.

Hingegen fragt sich, woraus dieser Wasserfilter besteht und ob Rückstände daraus in die Säuglingsnahrung gelangen können. Es fragt sich ebenso, ob nicht Substanzen aus der Plastikkapsel ebenfalls in die Säuglingsnahrung gelangen können. (Schließlich zeigen neuere Studien, dass Stoffe aus Verpackungen sehr wohl in Nahrung übergehen, insbesondere, wenn die Verpackungen warm oder erwärmt werden.)

Und keine Frage, sondern ein Fakt ist der riesige Abfallberg, der so ein System hinterlässt. Babys trinken 6-8 Mal pro Tag. Und jedes Mal soll eine umweltschädliche Plastikkapsel weggeworfen werden?

Noch einmal: Wer Säuglingsnahrung geben muss oder will, kann auch herkömmliche Säuglingsnahrung verwenden – die produziert nicht eine so große Abfallmenge.

Zusätzliche Features

Noch besser wird es aber, wenn man zu den weiteren Vorteilen der Maschine liest: „Mit den Online-Diensten Ihrer Maschine und der BabyNes-App für Mobilgeräte können Sie zudem das Tagebuch Ihres Babys verfolgen und noch einfacher Ihren Kapsel-Vorrat auffüllen.“ Die spezielle Babywaage, die sich mit dem Gerät verbinden lässt, gibt es selbstverständlich auch. Big Brother lässt grüssen. Ob man Nestlé wirklich so tiefe Einblicke in die Ernährung seines Kindes geben will?

Und die Kosten?

Glaubt den Müttern, die stillen und sagen: Nichts ist günstiger (und nebenbei bemerkt auch einfacher) als Stillen. Eine Milchmahlzeit von Nestlé kostet mit derzeit 1,90 Franken aber sogar rund das doppelte wie eine klassische Milchpulver-Mahlzeit. Das hat die Süddeutsche Zeitung ausgerechnet.

Rechtlicher Hinweis auf der Startseite

Klickt man sich zum ersten Mal auf die BabyNes-Seite, erscheint – zumindest in der Schweiz – ein Hinweis darauf, dass die WHO das ausschließliche Stillen empfehle und eine Mischform aus Stillen und Schoppen das Stillen beeinträchtigen könne. Der Hinweis scheint rechtlicher Natur zu sein und es bleibt zu hoffen, dass er das eine oder andere Elternpaar zurück zum gesunden Menschenverstand führt.