Erstes Food-Outlet Deutschlands eröffnet

Lebensmittel retten

Erstes Food-Outlet Deutschlands eröffnet - Lebensmittel retten

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Obst, Gemüse, Kekse, Brot und Getränke – so weit so normal. Doch die im Food-Outlet vom Berliner Start-up SirPlus angebotenen Produkte sind gerettete Lebensmittel, die ansonsten in den Müll gewandert wären. Ein Ortsbesuch in Berlins erstem Supermarkt für gerettetes Essen.

Die Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg zählt nicht zu den schönsten Einkaufsmeilen der Hauptstadt. Sie hat nicht das Flair des nahe gelegenen Kurfürstendamm oder der Friedrichstraße. Hier kaufen keine Touristen ein, hier shoppt der echte Berliner. Zweckmäßig mit einer Mall im Zentrum reiht sich ein Franchise-Geschäft an das nächste.

Hier gegenüber von Rossmann, eingerahmt von einem Vodafone-Shop und einem Rewe to go eröffnete am 8. September 2017 pünktlich um 11 Uhr der ungewöhnlichste Lebensmittel-Laden Berlins.

Gerettete Lebensmittel für weniger Geld

Food-Outlet-Store nennt das Start-up SirPlus seinen kleinen Supermarkt. Das Besondere: Hier gibt es ausschließlich gerettete Lebensmittel, also Produkte, die in anderen Läden aussortiert wurden oder gar nicht in den Handel kommen und somit normalerweise in den Müll wandern.

Zur Eröffnung umrahmen rote und grüne Luftballons den Eingang. Der Berliner weiß was das bedeutet – hier gibt es etwas Neues zu entdecken und dementsprechend neugierig sind die Menschen. Immer wieder fragen sie die SirPlus-Mitarbeiter, worum es hier denn gehe. Weniger Lebensmittel wegzuwerfen – eine Antwort, die ein anerkennendes Nicken auslöst. Es ist aber vor allem der Hinweis, dass die Lebensmittel zwischen 30 und 70 Prozent billiger als in den anderen Läden zu haben sind, der viele nach der Eröffnung mit der obligatorischen Roten-Band-Durchschneidung zum spontanen Einkauf verleitet. Dementsprechend sind es nicht die typischen Lohas, die am ersten Tag im SirPlus-Food-Outlet zuschlägt. Es gibt viele Menschen in Berlin die sparen wollen oder sogar müssen.

Vorbild für das Lebensmittel-Outlet war unter anderem The Good Food in Köln, Deutschlands erster Reste-Supermarkt. Doch SirPlus macht es ein wenig anders. „Wir wollen das Thema Lebensmittel zu retten ein Stück weit professionalisieren“, sagt einer der Gründer Raphael Fellmer, der zusammen mit seinen Mitgründern Martin Schott und Alexander Piutti SirPlus unter anderem mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne ins Leben rief. Im Gegensatz zum Kölner Pendant gibt es keinen ehrenamtlichen Einsatz und auch keine Bezahlung auf Spendenbasis. Vielmehr läuft der Geldtransfer ganz wie der Kunde es wünscht: ob bar oder mit Karte. Und auch die Waren werden wie im normalen Supermarkt mit dem Barcodescanner gescannt. Die Optik des nur 70 Quadratmeter großen Ladens geht daher auch eher in Richtung BioCompany und Pop-up-Store als Reformhaus.

Obst und Gemüse täglich frisch gerettet

Doch was gibt es eigentlich zu kaufen? Zur Eröffnung gab es zunächst nur ein kleines Sortiment. Gleich am Eingang warten krumme oder nicht der Norm entsprechendes Obst und Gemüse, an der Kasse gibt es reichlich Brot und Brötchen vom Vortag. Auf der restlichen Fläche, stehen abgepackte Produkte wie Kekse, Müsli oder Getränke, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum stehen oder es bereits überschritten hat. „Bis auf das Obst und Gemüse ist das meiste in Bio-Qualität“, erklärt Fellmer, der auch das Foodsharing-Netzwerk gegründet hatte, auf Nachfrage. Das Obst und Gemüse werde jeden Tag neu aufgefüllt. Der Rest nach und nach ergänzt. Von einem Vollsortiment kann man natürlich nicht sprechen, aber für den restlichen Einkauf stehen ja in der Nachbarschaft genügend Läden zur Verfügung. Angst vor einer Lebensmittelvergiftung braucht man übrigens nicht haben. Alle Produkte werden vorher unter Lebensmittlhygiene-Aspekten geprüft.

Diese erhält das Start-up von seinen zahlreichen Partnern, mit denen SirPlus im Vorfeld Absprachen getroffen hat. Dies erfolgt gegen ein kleines Entgelt. Der größte Vorteil für die Unternehmen sind die eingesparten Entsorgungskosten. Zu den größten Partnern gehört der der Berliner Großhandel Metro. „Wir freuen uns über die Zusammenarbeit mit SirPlus, welche unsere langjährige Partnerschaft mit der Berliner Tafel sinnvoll ergänzt. Das Ziel von METRO ist es, bis 2025 die Hälfte der Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Das können wir nur mit Innovatoren wie zum Beispiel SirPlus schaffen,” sagt Regional Manager Guido Mischok zur Partnerschaft.

Keine Konkurrenz zu den Tafeln

Damit beschreibt der Metro-Mann auch die Beziehung zu den etablierten Tafeln. Zu denen sieht sich SirPlus nicht als Konkurrenz und betont, dass es mehr als genug Lebensmittel gibt, die es zu retten gilt. Zudem spende SirPlus 20 Prozent der eingesammelten Lebensmittel an gemeinnützige Initiativen wie Flüchtlingsunterkünfte, Obdachlosen- und Kinderheime.

Der Food-Outlet in der Wilmersdorfer Straße will vielmehr das Retten von Lebensmitteln der breiten Masse zugänglich machen. Und Fellmer, Schott und Piutti haben deshalb noch weitere Pläne. Ab Oktober soll zunächst in Berlin ein Online-Shop mit einer Lieferung am selben Tag an den Start gehen – eine Ausweitung auf ganz Deutschland soll folgen. Dazu arbeitet SirPlus mit dem Kurierdienst Liefern zusammen, der dem Start-up zudem ein Lager kostenfrei zur Verfügung stellt. Dort lagen nach Angaben von SirPlus bereits 140.000 Produkte, die darauf warten wieder in den Lebensmittel-Kreislauf gebracht zu werden. Das soll Anfang 2018 auch in einem zweiten Food-Outlet geschehen. Und SirPlus denkt groß: In den kommenden fünf Jahren soll eine Kette entstanden sein, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und Österreich aktiv ist.

Dieser Artikel von Phillip Bittner erschien zuerst beim „enorm Magazin“.

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